Als Temperance („Tempe“) Deasee Brennan in den Keller hinabsteigt, hofft sie noch, ein verwesendes Eichhörnchen zu entdecken. Denn der Geruch der Verwesung, von Fliegen, Insekten und Maden in Kadavern ist milder als das, was der Forensikerin sonst an ihren Tatorten entgegenschlägt. Tatsächlich findet Tempe am Ort des Geschehens, an den sie ein renovierender Klempner gerufen hat, zunächst ein totes Huhn. Aber sie findet auch einen menschlichen Schädel. Und sie findet zwei Menschenknochen, die in mit Erde gefüllten Kesseln verborgen sind.
Der Verdacht liegt nahe, es mit einer heidnischen Opferstelle zu tun zu haben. Aber kann es in der beschaulichen Kleinstadt so etwas wie Voodoo oder Satanismus geben? Dann wird plötzlich in einem Plastiksack am Ufer eines Sees auch noch der Torso eines Jungen gefunden, in den eindeutig diabolische Zeichen eingeritzt sind. Aber: Warum riecht auch dieser Körper nicht so, wie Körper in diesem Zustand der Verwesung riechen? Warum ist er viel weniger von Insekten befallen als zu erwarten war? Und: Welche Rolle spielt ein undurchsichtiger Prediger bei den Mordfällen, der die Bevölkerung gegen Tempe aufzuhetzen sucht und nach Lynchjustiz ruft?
Am Anfang von steht Kathy Reichs vielschichtige Ich-Erzählerin nicht nur vor den Scherben einer Beziehung, sondern auch vor vielen Rätseln. Im Zuge der Handlung, die immer wieder von privaten Exkursen durchbrochen ist, klärt sich zwar Manches. Aber die Lösung der Fälle ist dann doch für alle — auch für den Leser — überraschend. Am Ende ist dann nur noch Tempes Zukunft offen. Das lässt auf eine Fortsetzung mit einem neuen Mordfall hoffen. Fans dürfen also gespannt sein und bleiben.
Im Genre der Pathologenthriller mischt Reichs mit ihrer Temperance-Brennan-Reihe ganz oben mit – der neuste Fall der forensischen Anthropologin aber ist unterirdisch. Solange das wörtlich zu nehmen ist – Auftakt sind kultisch anmutende Knochenfunde in einem bei Renovierungsarbeiten entdeckten Geheimkeller – hat der Roman eine gute Spannungskurve. Aber wenn Reichs sich dann in schulmeisterhafte Erklärungen zu Wicca, Satanismus und Voodoo versteigt, wird es langweilig. Und auch die im letzten Band dramatisch abgebrochenen Liebeswirrungen mit Ex Pete und Lover Ryan werden nicht adäquat fortgeführt. Dafür gibt es plötzlich einen neuen Kerl und einen total unmotivierten Alkoholrückfall Brennans. Jedes Kapitel wird mit nur teilweise aufgelösten Cliffhangern beendet, was schon nach der Hälfte des Buches dermaßen nervt, dass man stark an der eigentlich längst bewiesenen Klasse der Autorin zweifeln muss. Das schon obligatorische Brennan-entkommt-nur-knapp-dem-Tod-Ende: überflüssig. Mit dem Kredit der großartigen Vorgänger und seiner spröde-sympathischen Heldin ist “Der Tod kommt wie gerufen” immer noch Mittelmaß, für Reichs aber enttäuschend – und eine schwere Bürde für den nächsten Band, in dem Tempe noch mehr in ihrem Leben wird aufräumen müssen als sonst. (kab)