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Der menschliche Geist




Wo liegen die Grenzen der Selbsterkenntnis? In , dem Nachfolgewerk zu seinem allgemeiner gehaltenen , stellt der gefeierte Wissenschaftsautor John Horgan eine kritische Betrachtung über die Welt der Neurowissenschaft an. Horgan, sowieso schon pessimistisch was die langfristigen Aussichten für das große Streben des wissenschaftlichen Fortschritts angeht, findet bezüglich der Behauptungen derer, die das Gehirn und den Verstand erforschen, sogar noch mehr Anlass zur Skepsis. Werden wir je die erklärungsbedürftige Kluft zwischen unserem reduktionistischen neuroanatomischen Wissen und unserem alltäglichen Bewusstsein der Qualität unserer Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle schließen können? Horgans Antwort darauf lautet nein. Er ist allerdings kein Neo-Maschinenstürmer. Es ist nicht sein Ziel, die Öffentlichkeit zu desillusionieren oder den Geldfluss zu reduzieren, sondern vielmehr, die Anmaßung der Neurowissenschaftler, Entwicklungspsychologen und Künstliche-Intelligenz-Forscher anzusprechen, die alle behaupten, ein neues goldenes Zeitalter stünde uns kurz bevor, dank einer bevorstehenden großen vereinten Theorie des Bewusstseins, einer Theorie, die Horgan bestenfalls für unwahrscheinlich und weit verfehlt hält. Sein klarer, unterhaltsamer Stil ist mehr im Gesprächston gehalten als polemisch und seine Porträts von Koryphäen wie Eric Kandel und Lewis Wolpert sorgen für fesselnden, wohl überlegten Lesestoff. Auch wenn Sie wie viele Neurowissenschaftler seine Meinung nicht teilen sollten, sein Standpunkt ist dennoch erfrischend und faszinierend, und allein schon deswegen einen Gedanken wert.

Geistesrätsel

Zwei Bücher zum Verhältnis von Hirn und Bewusstsein

Unangenehm aufgefallen ist John Horgan bereits 1998 mit seinem Bestseller «An den Grenzen des Wissens». Statt kleine Erkenntnisfortschritte – wie er es bis dahin im «Scientific American» getan hatte – als Umstürze unseres Weltbildes anzupreisen, verlegte er sich in diesem Werk darauf, Erkenntniserweiterungen in den Wissenschaften der Gegenwart für unmöglich zu erklären. Die Wissenschaften stünden an ihren Grenzen und erschöpften sich in der Reflexion über selbige. Eine Fortsetzung dieser negativen Prophetie liefert der Autor jetzt in dem Werk «Der menschliche Geist». «Der Fortschritt der Neurowissenschaft ist in Wirklichkeit ein Gegenfortschritt. Je mehr Erkenntnisse die Forscher über das Gehirn gewinnen, um so schwieriger wird es für sie, all die verschiedenen Daten zu einem Gesamtmodell zusammenzufügen.»

Synthetische Theorie

Horgan fordert den «grossen Wurf», wenn nicht die theory of everything, dann immerhin die synthetische Theorie der Psyche überhaupt, aller Hirnfunktionen: Sofern Wissenschafter behaupten, das gebe es nicht, gestehen sie nach Horgan lediglich, dass ihre Wissenschaft versagt hat. Doch hat die Medizin versagt, weil sie keine universale Theorie «der» Krankheit produziert, sondern Einsichten in Genese, Verlauf und Therapiemöglichkeiten einzelner Krankheiten? Dass im Laufe eines Forschungsprozesses gelernt wird, wie Dinge auseinanderzuhalten sind, ist sehr wohl ein Erkenntnisfortschritt.

Zwar zitiert Horgan den New Yorker Neurowissenschafter Joseph LeDoux, der feststellt: «Vielleicht sind viele kleine Theorien genau das, was wir am meisten brauchen. Es wäre sehr viel wert zu wissen, was genau bei Angst bzw. Depressionen geschieht, selbst wenn wir keine Theorie der Psyche besitzen. (. . .) Die Neurowissenschaft kann zur Lösung dieser Fragen beitragen, auch wenn sie keine Theorie von Geist und Gehirn formulieren kann.» Doch die Weisheit der Liebe zum Detail, die hinter dieser Äusserung steckt, will sich Horgan nicht zu eigen machen. Statt dessen bleibt er dem unrealistischen Bild verhaftet, in dem Wissenschaft allein durch integrative Entwürfe genialer Individuen ihre Relevanz erweist. Tatsächlich liegt ihre Bedeutung jedoch auch und häufiger in den weniger spektakulären Einsichten in das, was zu unterscheiden ist – Einsichten, die emsige Forschergruppen ans Licht befördern und nicht geniale Einzelne.

Das Spektrum an Themen, das Horgan auf 380 Seiten abarbeiten will, ist enorm: von der anatomisch und funktional orientierten Neurologie über Psychoanalyse zur Neurochemie, evolutionären Neurobiologie und Künstlichen-Intelligenz-Forschung. Dieses Programm ist ohne groteske Oberflächlichkeiten auf kleinem Raum nicht zu bewältigen. Und die Forderung, all das müsse in einer grossen Theorie synthetisiert werden, ist aberwitzig.

Am interessantesten sind noch Horgans Berichte zur Psychopathologie. Der Autor referiert vergleichende Studien zur Wirksamkeit von Therapien. Dabei kommen Gesprächs- und Psychopharmaka-Methoden gleich schlecht weg. Erstaunlich wohlwollend wird der Elektroschock als Antidepressivum behandelt. Bei im engeren Sinne philosophischen Themen ist die Abhandlung belanglos, weil Neurowissenschaften im Verhältnis zur Philosophie des Geistes allein als Reduktionismus vorkommen: «Es gibt viele alternative Reduktionismen. Wir seien nichts weiter als ein Haufen ideosynkratischer Gene. Wir seien nichts weiter als ein Haufen von Anpassungsleistungen . . . Wir seien nichts weiter als ein Haufen von Rechenmaschinen . . .»

Identitätstheorie

Dass eine solche Sicht auf die Neurowissenschaften und die Philosophie des Geistes eine abwegige Vereinfachung darstellt, kann man an dem gut lesbaren Buch von Michael Pauen, «Das Rätsel des Bewusstseins», studieren. Pauen vertritt eine Identitätstheorie, wie sie vor dreihundert Jahren schon Spinoza favorisiert hatte: Wenn Bewusstseinszustände und Hirnzustände identisch seien, bringe das Gehirn das Bewusstsein nicht wie ein Sekret hervor, und phänomenale Eigenschaften der Bewusstseinszustände würden auch nicht durch Hirnzustände verursacht. Bei Identität von Hirn- und Bewusstseinszustand gelte vielmehr: «Eine Erklärung, die eine Eigenschaft oder ein Ereignis aus sich selbst abzuleiten versucht, ist nicht nur trivial, sondern schlichtweg sinnlos.» Wer erklären will, wie das Phänomenale des Farbensehens entsteht, versucht deshalb, falls die Identitätstheorie stimmt, etwas Unmögliches.

Doch wie lässt sich die Identitätsthese selbst erklären? Auch dies ist nach Pauen nicht möglich. Sie lässt sich rechtfertigen, sofern Erkenntnisse über Kausalmechanismen im Gehirn Schritt für Schritt Plausibilisierungen von phänomenalen Strukturen des Erlebens hervorbringen. Hier geht es nicht um Beweis oder Widerlegung, sondern um stückweise zu erfüllende Rechtfertigungsstrategien. Die Identitätstheorie erscheint nach Pauen als Zielpunkt der Erklärungs- und Rechtfertigungsstrategien der Neurowissenschaften für die Philosophie des Geistes am aussichtsreichsten. Sie ist zu unterscheiden vom Materialismus, der unsere Rede von Bewusstseinszuständen als fiktiv abschaffen will.

Für Pauen – wie für die meisten Identitätstheoretiker – ist die These der Selbigkeit von Gehirn und Geist mit einem Doppelaspekt verbunden: Einmal beschreiben wir Zustände aus der Perspektive der dritten Person: dann sprechen wir über das Hirn. Das andere Mal wird aus der Perspektive der ersten Person über Bewusstseinszustände berichtet. Die Perspektive der dritten Person geht auf Beobachtungen zurück. Für die Perspektive der ersten Person sollen Beobachtungen nicht konstitutiv sein: Bewusstseinszustände seien unmittelbar gegeben. Pauen bemüht hier die beliebte Computeranalogie: Wer auf die Festplatte eines Computers schaut, wird vergeblich nach Farben und Tönen suchen. Die gibt es nur, wenn das Programm aktiviert wird – doch dann blicke ich auf den Bildschirm. Hier hinkt die Analogie also. Denn die phänomenalen Qualitäten des laufenden Programms sind mir auch nur durch Beobachtung, eben des Bildschirms und nicht der Festplatte, jedoch nicht unmittelbar gegeben.

Mit seiner These, dass Wissen der ersten Person über Bewusstsein nicht auf Beobachtung beruht, das der dritten dagegen immer, will Pauen zugleich die Behauptung untermauern, die phänomenale Sprache lasse sich auf die neurowissenschaftliche nicht reduzieren. Doch manövriert er sich damit in eine phänomenologische Theorie der Unmittelbarkeit des Bewusstseins, die bei Sprach- und Zeichentheoretikern auf wenig Gegenliebe stossen dürfte.

Pauen argumentiert für seine These mit grossem Geschick und viel Detailkenntnis der naturwissenschaftlichen Bewusstseinsforschung. Der Geist seiner Ausführungen ist dem Horgans entgegengesetzt. Pauen sucht nicht nach dem Geniestreich oder Knock-down-Argument, sondern wägt die unterschiedlichen Forschungsstrategien gegeneinander ab. Dabei schneidet in seinen Augen, wie gesagt, die Identitätstheorie am besten ab. Es könnte aber auch anders kommen. Mit dieser nüchternen Haltung orientiert sich Pauen erfolgreich im Dschungel von empirischen Entdeckungen und philosophischen Argumenten. Der Geniesucher Horgan ist mit seiner Sensationsmaschine lediglich über das Dickicht hinweggeflogen, ohne dass dabei Pfade, die einmal zu gangbaren Wegen werden könnten, sichtbar wurden.

Michael Hampe


Rubriken: ,
Autor: John Horgan
Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt, Auflage:n.V. (17. April 2009)
ISBN: 3596151392
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