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An den Grenzen des Wissens




John Horgan liefert sehr überzeugende Argumente für die Behauptung, daß die besten und aufregendsten wissenschaftlichen Entdeckungen bereits hinter uns liegen. Er stellt fest, daß heutzutage viele Wissenschaftler, besonders die, die er für sein Buch interviewte, “von einem tiefen Unbehagen erfaßt” sind — zum Teil wegen schwindenden Geldmitteln und erbittertem Wettbewerb, aber auch in zunehmendem Maße aus dem Gefühl heraus, daß “das große Zeitalter der wissenschaftlichen Entdeckungen vorbei ist”. Anders ausgedrückt — so argumentiert er — die großen Probleme, die gelöst werden können, sind es bereits; und die, die noch nicht gelöst wurden, können es auch nicht werden. Unter den gefeierten Denkern, die in diesem ehrgeizigen Buch zitiert werden, befinden sich Namen wie Stephen Jay Gould, Roger Penrose und John Archibald Wheeler. Seine These wird durch eine präzise Geschichte der wissenschaftlichen Forschung der letzten 20 Jahre eingeleitet und umfaßt Themen wie zum Beispiel die Superstring-Theorie, mathematische Topologie und die Unterscheidung von Chaos und Komplexität.

Aus Freude am Untergang

John Horgans Kassandragesänge vom Ende der Wissenschaft

Der Anfang von etwas völlig Neuem und das endgültige Ende regen uns mehr auf, als uns eine gemächliche Entwicklung aufregt. Geburt und Tod sind grosse Ereignisse, auch wenn sie jedem zustossen. Unser Bedürfnis nach Intensität, das in seiner wenig noblen Form als Sensationslust auftritt, stillen die Berichte von Neuanfängen und Untergängen deshalb besonders wirkungsvoll. Der Wissenschaftsjournalist John Horgan kritisiert in seinem Buch «An den Grenzen des Wissens» sich und seine Kollegen: Allzu oft hätten sie kleine Wandlungen wissenschaftlicher Theorien zu einem Auftauchen völlig neuer Sichtweisen aufgebauscht, um die Sensationslust zu befriedigen, die auch in den Lesern des «Scientific American» rumort. Für den schreibt Horgan. Dadurch sei jedoch eine wichtige Einsicht in die Entwicklung der Wissenschaften verdeckt worden: diese erfolge nämlich immer langsamer, Fortschritte würden kaum mehr gemacht, das ganze Unternehmen strebe tatsächlich seinem Ende entgegen.

Im Plauderton

Mit dieser These vom Ende der Wissenschaft begibt sich Horgan allerdings, trotz Selbstkritik, nicht weg vom wissenschaftlichen Sensationsjournalismus, sondern lediglich auf dessen düstere Seite. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend haben die Propheten des Untergangs Konjunktur. Horgan wechselt mit seinem «mea culpa» nicht zur sachlichen Berichterstattung, sondern lediglich die Rolle im Sensationsgeschäft: aus dem Künder des ganz Neuen wird die Kassandra, die das unvermeidliche Ende schon sieht.

Horgan zieht im Plauderton durch viele (vor allem empirische) Wissenschaften: Quantenphysik und Kosmologie, Evolutions- und Neurobiologie, Chaos- und Komplexionsforschung, doch auch Philosophie und natürliche Theologie werden unter die Lupe genommen. Überall kommt er zum selben Resultat: Die Wissenschaften bestimmen immer mehr die Grenzen der Erkennbarkeit ihres Gegenstandsbereiches, und zwar auf Grund inhaltlicher (nicht allein methodischer) Einsichten. Dies könnte man philosophisch als Einzug des Kritizismus in die positiven Wissenschaften begrüssen.

Für Horgan ist es dagegen der Anfang vom Ende. Die Heisenbergsche Unschärferelation wird als Einsicht in die Begrenztheit der Erkenntnis der Mikrowelt gedeutet. Die Entdeckung der stammesgeschichtlichen Bedingtheit und der mit dem eigenen Gehirn kaum durchschaubaren Komplexität unserer neuralen Ausstattung interpretiert er als Feststellung der biologischen Beschränktheit unseres natürlichen Erkenntnisapparates. Die Chaos- und Komplexionsforschung schliesslich zeige uns die Grenzen unserer Prognosefähigkeiten. Nur spekulative Unternehmen, wie die physikalische Kosmologie oder die natürliche Theologie, scheinen von dieser Erkenntnis der Grenzen der Erkenntnis unberührt. Doch weil empirisch nicht testbar, stellen sie in Horgans Augen lediglich «ironische» Wissenschaften dar: Erklärungen von allem, die weder widerlegbar noch zu beweisen sind und deshalb auch ganz anders ausfallen könnten. Auch sie seien daher Indizien für das Ende eines Projektes, das einst von «Objektivität» und «Empirismus» gekennzeichnet war.

Horgan führt uns die Wissenschaften in kleinen Porträts ihrer führenden Vertreter vor, die er interviewt hat. Diese Methode dient nicht allein der Anschaulichkeit. Sie ist vielmehr Produkt einer individualisierenden Sicht auf die Wissenschaft. Horgan, der neben Mathematik und Physik auch Anglistik studiert hat, parallelisiert mit Hilfe einer These des Literaturwissenschafters Harold Bloom Literatur- und Wissenschaftsgeschichte. Moderne Dichter leiden nach Bloom notorisch unter «Einflussangst». Wie soll man nach Homer und Dante noch ein wichtiges Epos, wie nach Shakespeare und Schiller noch ein bedeutendes Drama oder nach Hölderlin und Baudelaire noch ein grosses Gedicht schreiben? Der Traditionsdruck zwinge die Künstler zur verfälschenden Umdeutung der Geschichte ihrer Gattung oder erniedrige sie zu Epigonen.

In der gleichen Situation sind nach Horgan die Wissenschafter, die nach Newton und Einstein, Darwin und Heisenberg noch Neues entdecken wollen: Entweder sie deuten ihre Vorgänger verkleinernd um oder betrachten sich als blosse «Verfeinerer» der schon vorhandenen Theoriegebäude. Schon Newton sah sich «auf den Schultern von Riesen» (Kepler, Descartes, Galilei) und nicht als einen nach Originalität strebenden Einzeldenker. Horgans Sicht entstammt dem Geniekult des späten 18. und des 19. Jahrhunderts. Mit den kollektiven Erkenntnisverfahren in den Laboratorien dürfte sie wenig zu tun haben. Auch wenn die grossen Einzeldenker in Zukunft ausbleiben sollten, wird das nicht das Ende der Wissenschaft sein, sondern der endgültige Durchbruch ihrer entindividualisierten Erkenntnisstrategien.

Übertreibungen

Ganz ausgeblendet bleibt die Rolle der Mathematik bei Horgan. Doch ohne Infinitesimalkalkül wäre Newtons Mechanik unmöglich gewesen. Ohne nicht-euklidische Geometrie keine Einsteinsche Raumtheorie, ohne Matrizenrechnung keine Quantenphysik. Die Bildung mathematischer Theorien ist einer der entscheidendsten Motoren der modernen Wissenschaftsentwicklung. Die revolutionäre Vervielfältigung der mathematischen Theorien, seit im 19. Jahrhundert die Hegemonie der euklidischen Geometrie beendet und die Mengenlehre entdeckt wurde, dürfte deshalb einen noch weitgehend ungehobenen Schatz für die weitere Entwicklung der empirischen Wissenschaften darstellen.

Horgan hat sicher recht, dass in Zeiten knapper Kassen und starker Skepsis gegenüber immer neuen technischen Anwendungen der Wissenschaft wissenschaftliche Erkenntnis kaum weiterhin als höchster Wert betrachtet wird. Doch sowenig die Säkularisation, die das Ende einer auf die Religion konzentrierten Kultur war, das Ende der Religion schlechthin bedeutete, ebensowenig steht das Ende der Wissenschaft bevor, wenn der Gesellschaft Geld und Interesse für ihre vorrangige Förderung ausgehen.

Horgans These vom Ende der Wissenschaften ist eine Übertreibung, die den Zeitgeist der Jahrtausendwende bedient. Die inhaltlich relativ oberflächlichen, aber brillant geschriebenen Theorieüberblicke stützen zudem seine Generalthese nicht immer. Doch seine Strategie: jede Grenzbestimmung als ein Indiz des Untergangs oder, wo dieser ausbleibt, als ironische Spekulationen zu nehmen, die ebenfalls ein Symptom des Endes seien, diese Strategie ist gegen Kritik kognitiv immun. Das Buch ist ebenso unplausibel wie Spenglers «Untergang des Abendlandes». Hoffentlich erlangt es nicht dessen Popularität.

Michael Hampe


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Autor: John Horgan
Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt, Auflage:n.V. (1. April 2009)
ISBN: 3596143640
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